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Alevitisches Wertesystem

 

Vier Tore, Vierzig Stufen
4 Kapi 40 Makam

 

Özlem Öznur

 

Der alevitische Weg der Gotteserkenntnis führt über die innere Wahrheit. Ziel ist es, sich allen Äusserlichkeiten zu trennen und dadurch zur verborgenen Wahrheit durchzudringen. Gotteserkenntnis ist untrennbar mit Selbsterkenntnis verbunden, da der Mensch im Alevitentum als ein Wesen begriffen wird, das das Potential des Göttlichen in sich trägt .

Das alevitische Religionsverständnis, beeinflusst durch die Erfordernisse des Alltags und durch die islamische Gnostik und Mystik, betont sehr stark die Innerlichkeit. Diese Betonung der inneren Werte wird auch in der Ablehnung, der von Schiiten und Sunniten gleichermassen verfochtenen religiösen Verpflichtungen, deutlich. Die sogenannten fünf Grundpflichten des Islam stellen nach alevitischer Auffassung zumeist wenig mehr als Äußerlichkeiten dar.

 

Als eine wichtige Wurzel des Alevismus gilt die islamische Mystik: der Sufismus.
Der Sufismus ist ein mystischer Pfad der Liebe, auf dem man die Wahrheit - oder Gott - im eigenen Herzen findet. Der Sufismus deutet den Koran allegorisch und wendet sich vielfach gegen die strenge Gesetzlichkeit des orthodoxen Islams.
Nach der Tradition der sogenannten Batiniya (ab dem 10. Jhd.), liegt jeder göttlichen Offenbarung eine innere und eine äußere Bedeutung zugrunde. Die innere, verborgene Wahrheit wird nur den Eingeweihten zuteil. Für jene, die zu dem Verborgenen durchgedrungen sind, haben formale Gesetze, die der äußeren Sphäre angehören, keine Bedeutung mehr. In diesem Sinne ist das Alevitentum auf eine allegorisch-innerliche Sinndeutung des Koran ausgerichtet.

Im Alevitentum wird der Mensch als ein Wesen begriffen, das das Potential des Göttlichen in sich trägt. Seine Erlösung ist mit der Erkenntnis dieses Potentials verbunden. Wer zur Erkenntnis (Gnosis) gelangt, gelangt zu Gott und damit zu sich selbst. Gotteserkenntnis ist daher untrennbar mit Selbsterkenntnis verbunden.

Die verborgene Wahrheit, um die es hier geht, ist die Einheit alles Seienden, vahdet-i-vücut. Diese Lehre ist in dem Satz enthalten:

Nur wer Gott im Menschen und den Menschen in Gott erblickt, weiß um die absolute Wahrheit.

Die "Vier Tore und Vierzig Stufen" (dört kapi kirk makam) beschreiben den Weg, den eine Person in Begleitung eines Geistlichen (dede, pir, mürsit) durchläuft, um Selbsterkenntnis zu erlangen. Dieser Geistliche führt sie durch eine Reihe von vier "Toren" (kapi), von denen jede wiederum zehn "Stufen" (makam) beinhaltet. Jedes der vier Tore hat seine Besonderheiten und eigenen Regeln.

Das erste Tor
Das erste Tor ist das religiöse Gesetz (Seriat), nicht zu verwechseln mit dem islamischen Gesetz (Scharia) im orthodoxen Islam, wo dieser Begriff weit mehr Äußerlichkeiten umfasst. Es ist das Tor, das das Rechte vom Unrechten trennt. Hier gilt es die religiösen Gesetze zu achten und zu befolgen. Dabei steht der Glaube und der Erwerb von religiösen Kenntnissen im Vordergrund. Es stellt das gesicherte Wissen dar und besteht aus zehn Stufen:

1. glauben,
2. lernen,
3. Gottesdienst verrichten (beten, fasten, Almosen geben),
4. ehrliches, legales Einkommen haben,
5. Ausbeutung und Ungerechtigkeit vermeiden,
6. Frauen achten,
7. die Ehe suchen (außereheliche Verhältnisse vermeiden),
?. Fürsorge für andere zeigen,
9. reine Speisen essen, sich sauber anziehen,
10. Gutes tun.

Das zweite, Tor
Das zweite Tor ist der mystische Pfad (tarikat). Es steht für den inneren Weg, den ein Suchender auf dem Weg zur Weisheit gehen muss. Es stellt das Wissen um sich selbst dar. Es besteht ebenfalls aus zehn Stufen:

1. sich dem geistlichen Lehrer (pir) anvertrauen,
2. sich dem Lernen hingeben,
3. das äußere Aussehen nicht wichtig nehmen,
4. geduldig sein,
5. Achtung haben,
6. Ehrfurcht haben,
7. auf Gottes Hilfe hoffen,
8. sich auf Gottes Weg begeben,
9. sich in die Gemeinschaft einfügen,
10. Menschen und Natur lieben.

 

Das dritte Tor
Das dritte Tor ist das Tor der Erkenntnis (marifet). Sich selbst erkennen und so Erkenntnis und Vollkommenheit erlangen. Dieses Tor stellt das Wissen um die Wortbedeutungen dar. Die zehn Stufen sind:

1. Gutes Benehmen und Anstand,
2. ehrenhaft leben,
3. geduldig sein,
4. genügsam sein,
5. schamhaft sein,
6. freigiebig sein,
7. Wissen erwerben,
8. Harmonie bewahren,
9. gewissenhaft sein,
10. Selbsterkenntnis üben.

Das vierte Tor
Das vierte Tor, das Tor der Wahrheit (hakikat) ist die Selbsterfahrung, das tiefe Wissen um Gott und die Wahrheit. Dieses letzte Tor stellt somit das verinnerlichte Wissen der vorangegangenen Tore dar. Es gilt ebenfalls zehn Stufen zu beschreiten:

1. bescheiden sein, alle Menschen achten und ehren,
2. an die Einheit von Allah, Mohammed und Ali glauben,
3. seine Hände, seine Zunge und seinen Körper unter Kontrolle haben,
4. allem Geschaffenen gegenüber Liebe zeigen,
5. Gottvertrauen,
6. Aussprache/Gespräche suchen,
7. Erkenntnis erfahren, das Geheimnis lösen,
8. Einvernehmen mit Göttlichem zeigen,
9. nachdenken,
10. Sehnsucht nach Gott niemals aus dem Herzen verlieren.

 

Der vollkommene Mensch


Im Zusammenhang mit der Idee, durch verschiedene Stufen geistlicher Entwicklung gehen zu müssen, um Einheit mit der Wahrheit zu erlangen, steht auch das Konzept der absoluten Ganzheit. Man nennt diesen Vorgang auch "ein vollkommener Mensch" (insan-i kâmil) werden.
Wie bereits erwähnt, beinhaltet der Gedanke, Einheit mit Hak, - d.h. mit der Wahrheit, der Wirklichkeit oder mit Gott - zu erlangen, einen bedeutenden Aspekt alevitischer Mystik und gleichzeitig des alevitischen Gebets.

Das religiöse Gesetz ist das Schiff, der mystische Pfad das Meer, die Erkenntnis der Taucher, die Wahrheit die Perle.


Bedeutsam in diesem Zusammenhang ist der Einfluss des Anfang des 10.Jahrhunderts hingerichteten Mystikers Hallac-ý Mansur. Dieser hatte mit dem Ausspruch "enel hak", das heißt "Ich bin die Wahrheit", "Ich bin gottähnlich", was zu interpretieren ist als "Ich bin Gott", die Auffassung von einer Einheit von Gott und menschlicher Seele aufgebracht. Für die religiösen Autoritäten war dies freilich zuviel der Autonomie des Denkens. Sie ermordeten ihn in Bagdad auf brutale Art und Weise für seine, wie man es nannte, gotteslästerlichen mystischen Ansichten.

Im Gegensatz zur islamischen Theologie kennt das Alevitentum keine Trennung zwischen Gott und einer von ihm erschaffenen Welt. Das Universum ist hier die Ausstrahlung der göttlichen Substanz selbst.

Gnosis (griech. "Erkenntnis"; Gnostik, Gnostizismus), die in der Schau Gottes erlebte Einsicht in die Welt des Ubersinnlichen. Im Gnostizismus war die Gnosis ein "Geheimwissen" höherer Art über Gott und Welt: Erlösung durch Wissen.

Mystik (vom griech. mystikos, "geheimnisvoll"), urspi-üngl. Bezeichnung fúr Geheimreligion bzw. religiöse Geheimorganisation, in der nur Auserwählte aufgenommen bzw. eingeweiht wurden, sodann
überhaupt für das Bestreben, das Übersinnliche, Transzendente, Göttliche durch Abkehr von der Sinnenwelt und Versenkung in die Tiefe des eigenen Seins (Meditation) zu erfassen, durch Aufgehen des eigenen Bewusstseins in Gott mit diesem eins zu werden: mystische Einigung.


Sufismus(abgeleitet von arabisch suf, "weiße Wolle", nach dem wollenen Gewand der frühen Asketen), eine asketisch-mystische Richtung im Islam seit dem 9. Jahrhundert, von aussei-islamischen Lehren (z.B. Neuplatonismus und indischen Religionen) beeinflusst; erstrebt in Bruderschaften und (Derwisch-) Orden die mystische oder ekstatische (durch Tanz, Musik) Vereinigung mit Gott. Der Sufismus, der besonders in Persien blühte, ist heute vor allem im indopakistanischen und türkischen Islam verbreitet. Der Sufismus deutet den Koran allegorisch und wendet sich vielfach gegen die strenge Gesetzlichkeit des orthodoxen Islams.

Quellen:
- Renaissance des Alevismus; Glaubenslehre, Organisationsformen, Musik, Moderne, AABF, 1998.
- Mehmet F. Bozkurf, Das Gebot; mystischer Weg mit einem Freund, E. B.-Verlag Rissen, 1988.
- Heinrich Schmidt, Philosophisches Wörterbuch, Neu bearb. von Georgi Schischkoff, Alfred Körner Verlag, 22. Auflage, Stuttgart 1991.
- Das Alevitentum, AABF, 1997.
- Bertelsniann Universallexikon 2001