Aleviten

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Türkische Aleviten Heute

John Shindeldecker

 

Einleitung

I. Wer sind die Aleviten?
II. Anzahl und Verteilung der Aleviten
III. Die Aleviten und der Islam
IV. Brauchtum und Feiertage der Aleviten
V. Die alevitische Sicht von Ali
VI. Aleviten, Hadschi Bektasch und die Bektaschi
VII. Aleviten und Mystik
VIII. Aleviten und Volksfrömmigkeit
IX. Aleviten, Vorurteile und Verfolgung
X. Alevi-Bektaschi Humor
XI. Die Aleviten und aktuelle gesellschaftliche Themen
XII. Die heutige Identität der Aleviten
   

Einleitung

Nahezu jeder Reiseführer und jedes Lexikon, die ich gelesen habe, beschreiben die Türkei als ein Land mit 99% sunnitischen Muslimen. Erst ganz allmählich erfährt die Weltöffentlichkeit etwas von der großen, in diesem Land lebenden Bevölkerungsgruppe der „anatolischen Aleviten“ (Anatolien ist der Name für den asiatischen Teil der Türkei). Außer der Bezeichnung Aleviten werden auch die Ausdrücke Alawi, Alawite, Alouite oder Alevi-Bektaschi verwendet. Alevitischer Glaube und Kultur werden Alevitentum oder Alevismus (Alevilik) genannt.

Objektive und leicht verständliche Literatur über die türkischen Aleviten findet man fast nur in türkischer Sprache. Dieser Umstand veranlaßte einige der alevitischen Leiter dazu, mich zu bitten, für interessierte Ausländer ein einführendes Buch zu diesem Thema zu schreiben. Es ist daher meine Absicht, kurz, klar und objektiv darzustellen, was Aleviten glauben, wie sie ihren Glauben ausüben und auf die Fragen einzugehen, mit denen sich türkische Aleviten heute konfrontiert sehen. Dies soll in einer Art und Weise geschehen, die es auch dem Leser mit nur geringen Kenntnissen über die Türkei und den Islam ermöglicht, den Ausführungen folgen zu können.

Aus einer Reihe von Gründen ist es nicht möglich, absolute Aussagen über Glauben und Glaubenspraxis der Aleviten zu machen. Deswegen ziehe ich es in meinen Darstellungen vor, Formulierungen wie „fast alle“, „viele“, „die meisten“ und „einige“ zu gebrauchen. Den Leser, der eine genaue Definition darüber haben möchte, was alle Aleviten glauben und tun, könnte dies verun-sichern. Der Grund dafür liegt jedoch in der Natur des Themas, da unter den Aleviten eine große Bandbreite von Glaubensformen und Praktiken gibt, ganz ähnlich wie auch ein breites Spektrum an Glaubensaussagen und Praktiken unter Juden, Christen, Buddhisten und Hindus zu finden ist.

Eine appetitanregende Auswahl

Der ausländische Tourist, der das erste Mal in die Türkei kommt, wird überwältigt von der Auswahl und dem Reichtum der türkischen Küche. Auch wenn er es noch so gerne wollte, könnte er nicht all die verschiedenen Köstlichkeiten bei seiner ersten Mahlzeit genießen. Daher übernehmen Reiseleiter bisweilen die Aufgabe, aus der Vielzahl an Vorspeisen, Salaten, Suppen, Kebabs und Nachspeisen eine Auswahl für ihn zu treffen. Genau wie solch ein Reiseleiter habe ich eine Palette an Themen zusammengestellt, die es dem Leser erlauben soll, seine erste Begegnung mit dem Alevitentum leicht „zu verdauen“. Ich hoffe, mit der getroffenen Wahl dem Leser eine geschmackvolle, ausgewogene Mahlzeit anzubieten und ihm damit „Appetit auf mehr“ zu machen.

Wichtige türkische Worte und Ausdrücke erscheinen im Text in kursiver Schrift. Die Übersetzungen stammen vom Autor.

Wort des Dankes:

Danken möchte ich Herrn Ali Yaman für seine geduldige Überarbeitung des Textes und seine hilfreichen Kommentare. Desweiteren danke ich den folgenden Personen dafür, dieses Projekt angeregt und mich dazu ermutigt zu haben: Herrn Dr. Ali Aktas und Herrn Burhan Kocadag. Ebenso danke ich Frau Iris Schültzke und Herrn Manfred Schmid für die Übersetzung ins Deutsche und die Bearbeitung des Textes.

Zum Autor:

John Shindeldecker wohnt seit längerem in der Türkei und hat Abschlüsse in Geschichte (B.A., M.A.T.) und Sprachpädagogik (M.A.). Neben einer Seminartätigkeit an der Alevi-Bektaschi Sahkulu Sultan Stiftung in Istanbul hat er in alevitischen Radioprogrammen gesprochen sowie eine Reihe von Artikeln in den Alevi-Bektaschi-Zeitschriften Nefes, Cem und Gönüllerin Sesi: Karacaahmet verfaßt.

 

I. Wer sind die Aleviten?

Die folgenden Aussagen über die Aleviten und das Alevitentum habe ich alle entweder persönlich gehört oder gelesen:

„Jeder Muslim, der die Familie des Propheten Mohammed liebt, ist ein Alevit.“

„Alevit ist einfach jeder demokratische, tolerante, die Menschenrechte unterstützende, modern denkende Mensch, ganz unabhängig von seinem religiösen Hintergrund.“

„Ein Alevit ist ein schmutziger, unmoralischer Mensch. Er steht der Religion so fern, daß er erst einmal Christ werden muß, bevor er Muslim werden kann.“

„Das Alevitentum ist die echte, wahre Essenz des Islam.“

„Das Alevitentum ist eine vielgestaltige Sekte innerhalb des Islam.“

„Das Alevitentum ist der eigentliche türkisch- anatolische Islam.“

„Das Alevitentum ist eine Philosophie, eine eigene Weltanschauung.“

„Das Alevitentum ist Sufismus in seiner reinen Form.“

„Das Alevitentum ist Schiitentum in seiner reinen Form.“

„Das Alevitentum ist nichts anderes als sunnitischer Islam mit einer besonderen Betonung auf Ali.“

„Das Alevitentum ist so synkretistisch, daß es gar nicht zum Islam gezählt werden darf.“

„Das Alevitentum ist eine Alternative zum ortho-doxen Islam.“

„Das Alevitentum ist ein Beispiel für den klassisch marxistischen Kampf einer unterdrückten Minderheit.“

„Das Alevitentum ist eine Mischung aus den besten Elementen von Islam, Christentum, Judentum, Manichäismus, Zoroastrianismus, Schamanentum und dem Humanismus des 20. Jahrhunderts.“

Die vier blinden Männer und der Elefant

All die oben aufgezählten Meinungen werden von zeitgenössischen türkischen und ausländischen Gelehrten, Forschern und Autoren diskutiert. Dabei kann freilich nicht bei all diesen Leuten eine objektive Einstellung vor-ausgesetzt werden. Im facettenreichen sozialen und politischen Klima der heutigen Türkei benutzen viele Autoren die Aleviten und das Alevitentum dazu, die eigenen ideologischen Vorstellungen zu verbreiten.

Diese Versuche, das Alevitentum zu definieren, er-innern mich an die Geschichte von den vier blinden Männern, die zum ersten Mal mit einem Elefanten in Berührung kamen. Jeder von ihnen berührte einen anderen Teil des Elefanten und versuchte, den drei anderen seinen Eindruck zu beschreiben. Der erste blinde Mann betastete den Rüssel des Elefanten und sagte: „Es handelt sich um ein bewegliches Rohr!“. Der Zweite berührte die Elefantenohren und behauptete: „Ich muß leider widersprechen, es fühlt sich eher an wie eine weiche, dicke Decke!“ Der Dritte hatte seine Arme um ein Elefantenbein geschlungen und rief: „Irrtum, meine Herren! Dieses Ding, das man Elefant nennt, ist ein großer, stattlicher, sehr alter Baum. Ich kann ihn nicht einmal ganz umfassen.“ Der vierte Mann, der seine Hand über den Körper des Elefanten gleiten ließ, meinte energisch: „Werte Freunde, Sie wissen wirklich nicht, worüber Sie sprechen! Der Elefant ist so groß und breit, daß er mehr einem Haus gleicht, als allem anderen, das Sie beschrieben haben!“

Wenn man sich darum bemüht, die Gestalt des heutigen Alevitentums kennenzulernen, kann es einem leicht ergehen, wie den vier Blinden mit dem Elefanten. Man mag auf ebenso viele Meinungen treffen, wie Menschen, die man danach befragt. Alles hängt von der Perspektive der jeweiligen Person ab, mit der man gerade spricht.

 

II. Anzahl und Verteilung der Aleviten

Festzustellen, wie viele Aleviten heute in der Türkei leben, ist praktisch unmöglich. Sie unterscheiden sich von anderen gesellschaftlichen Gruppen weder durch ihre Sprache - die meisten sprechen Türkisch als ihre Mutter-sprache - noch sind sie geographisch zuzuordnen, denn Aleviten leben in fast allen Provinzen des Landes. Aleviten fallen auch nicht durch ihr Äußeres wie z.B. Haut-, Haarfarbe oder Augenform auf. Auch tragen sie keine typische Kleidung, die sie von allen anderen abhebt. Tatsächlich ist es schwer, jemanden als Aleviten zu identifizieren, es sei denn, er gibt sich im Gespräch als solcher zu erkennen. Manche geben es nicht einmal offen zu, Alevit zu sein.

Die meisten alevitischen Schriftsteller und Wort-führer behaupten, ein Drittel der heutigen türkischen Be-völkerung sei den Alevi-Bektaschi zuzurechnen. Das wären mehr als 20 Millionen Menschen. Niedrigere Schätzungen gehen von 10 bis 12 Millionen aus.

Traditionell gab es große Gruppierungen türkisch sprechender Aleviten in den zentral- und ostanatolischen Provinzen Çorum, Amasya, Tokat, Yozgat, Çankiri, Sivas, Elazig, Malatya, Adiyaman, Bingöl, Mus und Kars. Man hat diese Aleviten auch als Kizilbasch (Kizilbas) oder Turkmenen (Türkmen) bezeichnet (wobei freilich nicht alle Turkmenen Aleviten sind). Durch die Wanderungsbewegungen der türkischen Bevölkerung in neuerer Zeit in die Städte und die allgemein zunehmende Mobilität, sind die Aleviten heute jedoch in fast allen Provinzen des Landes anzutreffen.

Eine alevitische Gruppe, die ursprünglich in einer Gegend mit dem Namen Dersim (die heutige Provinz Tunceli sowie Teile der Provinzen Erzincan und Erzurum) gewohnt hat, spricht als Muttersprache das sogenannte Zazaca oder Dersimce. Sie werden manchmal auch als Kizilbas-Kurden bezeichnet. Noch eine weitere, kleinere Gruppe türkischsprechender Aleviten, die Holz-fäller (Tahtacilar) genannt wird, hat sich ursprünglich in den Regionen des Mittelmeeres und der Ägäis aus-gebreitet.

Obwohl dieses Buch die anatolischen Aleviten be-handelt, sollte der Leser auch mit den Namen ähnlicher Gruppen in den angrenzenden Ländern bekannt gemacht werden. Arabisch sprechende Gruppen mit Glaubens-ansichten und Bräuchen, die denen der Türkisch sprech-enden Aleviten ähnlich sind, werden Nusayri, Alawite oder Alouite genannt. Kleinere Gruppierungen im Irak und Iran werden als Ahl-i Haqq (Ali Ilahis) und Schabak bezeichnet. Einige Gelehrte fassen viele dieser Gruppen unter dem Namen Ghulat zusammen. In der heutigen Zeit legen die anatolischen Aleviten allerdings weniger Wert auf ihre Nähe zu diesen Gruppen im Iran, Irak und in Syrien. Viel eher betonen sie die Ähnlichkeiten zwischen ihnen und türkisch sprechenden Gruppen in Zentralasien oder den Bektaschis in den Balkanländern.

 

III. Die Aleviten und der Islam

Wie passen die Aleviten in das Gesamtbild des Islam? Wer sich schon etwas mit dem Islam auseinandergesetzt hat, ist mit den sechs grundlegenden muslimischen Glaubensartikeln und den sogenannten fünf Säulen des Islam vertraut. Deswegen möchte ich von dort ausgehend den alevitischen Glauben und dessen Praxis be-schreiben. Viele Aleviten sind zwar der Meinung, die sechs Glaubensartikel und die fünf Säulen gehörten gar nicht zum wahren Islam. Dennoch beginne ich an diesem Punkt, da sich nahezu jeder, der das erste Mal etwas über das Alevitentum hört fragt, in welcher Beziehung dieses zum islamischen Glauben und dessen Ausübung steht. Ich überlasse es dem Leser, seine eigenen Vergleiche zwischen der orthodoxen und der alevitischen Interpretation dieser Konzepte anzustellen. Später werde ich dann auch auf andere Aspekte alevitischen Glaubens und dessen Praxis eingehen.

Die sechs Glaubensaussagen des Islam

Die sechs wichtigsten Glaubensaussagen des Islam lauten wie folgt:

Der Glaube an den einen Gott

Der Glaube an Engel

Der Glaube an die heiligen Bücher

Der Glaube an die Propheten

Der Glaube an das Gericht

Der Glaube an die Vorherbestimmung

1. Der Glaube an den einen Gott
(Allah/ Tanri/ Hak)

Wenn man zehn Aleviten bitten würde, Gott zu beschreiben, dann würde man wahrscheinlich zehn verschiedene Antworten erhalten. Die meisten Aleviten, mit denen ich gesprochen habe oder deren Schriften ich gelesen habe, vertreten eine oder eine Kombination der folgenden Vorstellungen:

„Ali ist eine Manifestation Gottes!“

„Vollkommene Menschen sind Gott!“

„Gott setzt sich aus allen Dingen im Universum zusammen!“

„Gott setzt sich aus der ganzen Menschheit zusammen!“

„Du und ich sind Gott!“

„Gott ist in dir!“

„Gott ist eine undefinierbare Kraft oder Stärke!“

„Gott ist Wahrheit, Liebe und Wissen!“

„Gott ist der Schöpfer!“

Sehr oft versuchen Aleviten auch, Gott durch das zu definieren, was er nicht ist. Die Absicht dabei ist, ihre Vorstellungen von Gott von denen anderer religiöser Gruppen abzugrenzen. Zum Beispiel sind sich fast alle Aleviten einig, daß - egal wer oder was Gott ist - es sich ganz sicher nicht um einen wütenden Herrscher handelt, dem es Freude macht, seine von ihm geschaffenen Sklaven vor die Wahl zu stellen, entweder strenge religiöse Regeln einzuhalten oder zur Strafe im ewigen Feuer zu brennen. In ähnlicher Weise lehnen die meisten Aleviten die Vorstellung ab, Gott würde diejenigen, die seinen Regeln auf Erden befolgen, im Himmel mit ewigen Genüssen und Freuden belohnen.

2. Der Glaube an Engel (Melekler)

Aleviten sagen oft, daß der Mensch das höchste geschaffene Wesen ist und daß die Engel „sich vor Adam verbeugt haben, als er geschaffen wurde“ (Adem'e secde ettiler). Viele sagen auch, daß der Engel Gabriel als Botschafter fungiert hat, als Gott Mohammed den Koran übermittelt hat.

Aleviten, die an reale böse und gute Engel sowie Gei-ster (cinler) glauben, üben oft auch abergläubische Praktiken aus, um Hilfe von den Guten zu erhalten und sich vor den bösen Geistern zu schützen.

Andererseits glauben auch viele Aleviten nicht an diese übernatürlichen Wesen und meinen: „Satan, das ist nichts anderes als das egoistischen Verlangen (nefis) in Dir.“

3. Der Glaube an die heiligen Bücher
(Kutsal Kitaplar/Hak Kitaplar)

Aleviten sprechen im allgemeinen von den vier großen heiligen Büchern: Torah, Psalmen, Evangelium und Koran (Tevrat, Zebur, Incil, Kuran). Diese Bücher werden den monotheistischen „Buchreligionen“, dem Judentum, dem Christentum und dem Islam zugeordnet. Fast alle Aleviten sind der Meinung, daß diese vier heiligen Bücher bestimmten Propheten „vom Himmel herabgereicht“ (indirilmis) worden sind: Die Torah Mose, die Psalmen David, das Evangelium Jesus und der Koran Mohammed. Fast alle sind auch der Meinung, diese Bücher seien zu dem Zeitpunkt, als sie übermittelt wurden, geschriebene Offenbarung Gottes gewesen und der Koran sei die letzte schriftliche Offenbarung Gottes.

Fast alle Aleviten sagen, im Koran sei alles enthalten, was in den ersten drei Büchern geschrieben steht, oder sie sind der Ansicht, alle vier Bücher würden im Prinzip das gleiche beinhalten. Viele behaupten, die ersten drei Bücher hätten das Kommen Mohammeds vorhergesagt. Einige meinen, Ali sei der biblische Prophet Elia.

Die Mehrzahl der Aleviten glauben, der ursprüng-liche Koran mache klare Aussagen darüber, daß Ali als Mohammeds Cousin und Schwiegersohn dazu bestimmt war, der Nachfolger des Propheten und damit Gottes Stellvertreter auf Erden - auch Kalif (veli, halife) genannt - zu werden. Dabei wird behauptet, daß die auf Ali hinweisenden Stellen von seinen Rivalen aus dem Koran entfernt worden seien.

Nach alevitischer Vorstellung ist der Koran esoterisch, d.h. verinnerlicht oder mystisch (batini yorum) zu interpretieren. In ihren Augen enthält das heilige Buch der Muslime viel tiefere geistliche Wahrheiten als die strengen Gesetze und Regeln, wie sie auf der wörtlichen Ebene (zahiri yorum) erscheinen. Trotzdem zitieren die meisten alevitischen Autoren Koranverse, um ihren An-sichten zu einem bestimmten Thema Autorität zu ver-leihen oder um eine bestimmte alevitische Tradition zu verteidigen. Sie betonen im allgemeinen, der Koran sei in türkisch anstatt in arabisch zu lesen, da es wichtig sei, genau zu verstehen was man liest. Ganz davon abge-sehen gibt es aber viele Aleviten, die den Koran oder andere heilige Bücher weder lesen noch ihren alltäglichen Glauben und dessen Umsetzung darauf aufbauen. Sie sind der Meinung, diese alten Bücher hätten für die heutige Zeit keine Bedeutung mehr.

Neben den vier genannten heiligen Büchern spielen für Aleviten auch andere schriftliche Quellen eine Rolle:

Die Hadithen (Hadisler), die traditionellen, nicht im Koran befindlichen Überlieferung über Mohammed

Die Traditionen und Aussprüche Alis (Nahjul
Balagha)

Die Sammlungen von Lehren und Praktiken einiger der 12 Imame (Buyruks), besonders des Imams Cafer

Bücher die Ereignisse im Leben großer Aleviten, wie z.B. von Hadschi Bektasch beschreiben (Vilayet-nameler oder Menakibnameler)

Darüber hinaus wird eine bedeutende Anzahl von schriftlich nicht festgehaltenen alevitischen Über-lieferungen (rivayetler) Ali, Mohammed, Hadschi Bektasch oder anderen zugeschrieben.

Aleviten legen im allgemeinen mehr Wert auf menschliche Beziehungen und Weisheit als auf den Koran oder auf andere Bücher. Sie zitieren vielfach die folgenden beiden Aussagen:

„Ali ist der sprechende Koran.“ (Ali konusan Kuran'dir.)

„Das größte heilige Buch, das man lesen kann, ist ein Mensch.“ (Okunacak en büyük kitab insandir.)

Abgesehen von Büchern sind mystische Gedichte und Balladen (deyisler, nefesler) die wichtigsten Quellen für Glauben und Denken der Aleviten. Diese sind von Generation zu Generation überliefert worden und viele davon wurden niemals schriftlich aufgezeichnet. Unter den größten Volksdichtern (asiklar, ozanlar) der Alevi-Bektaschi befinden sich Yunus Emre (13.-14. Jh.), Kaygusuz Abdal (15. Jh.) und Pir Sultan Abdal (16. Jh.).

4. Der Glaube an die Propheten (Peygamberler)

Aleviten glauben zumeist an die im Koran erwähnten Propheten. Diese Männer sind von Gott für bestimmte Zwecke in bestimmten Zeiten erwählt worden. So haben Mose, David, Jesus und Mohammed wichtige Bücher vom Himmel herab erhalten. Andere, wie Abraham und Noah, haben in geringerem Umfang ebenfalls Offen-barungen in schriftlicher Form von Gott erhalten. Die Mehrheit der Aleviten ist davon überzeugt, die Propheten seien sündlos gewesen. Manche sagen, alle Propheten seien menschliche Erscheinungen Gottes.

Es mag für den weniger mit der Thematik vertrauten Leser eine Hilfe sein, wenn ich näher darauf eingehe, was Aleviten über Jesus und Mohammed glauben, die in ihren Augen letzten beiden Propheten.

Jesus

Für die meisten Aleviten ist Jesus nicht kleiner und nicht größer als irgendeiner der anderen Propheten. Er ist besonders als der Prophet der Christen bekannt und als derjenige, dem das Evangelium (Incil) „herabgereicht“ wurde. Manche Aleviten nehmen die Aussage des Koran wörtlich, Jesus sei von einer Jungfrau geboren worden. Aleviten, die nicht an das Übernatürliche glauben, halten auch nichts von den biblischen Geschichten der jungfräulichen Geburt Jesu, seinen Wundern und seiner Auferstehung von den Toten.

Jedoch identifizieren sich fast alle Aleviten, die das Neue Testament (in Türkisch ebenfalls Incil) gelesen haben, sehr stark mit der Art und Weise, wie Jesus mit den religiösen Fanatikern und mit den Heuchlern seiner Zeit umgegangen ist. Andererseits zeigen sich Aleviten erstaunt darüber, wie Jesus die Lehren der Torah, der Psalmen und der Propheten in zwei einfache Gebote zusammengefaßt hat: „Liebe Gott mit deinem ganzen Herzen, Seele, Verstand und mit ganzer Kraft; liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Diese grundlegende Aussage Jesu erinnert die Aleviten an ihre eigenen Grundwerte: „Liebe Gott und liebe die Menschen“ (Tanri sevgisi, insan sevgisi).

Manche Aleviten kennen sich auch mit den Lehren Jesu über seine zweite Wiederkunft aus. Unter diesen Aleviten sind einige davon überzeugt, daß Jesus dieselbe Person ist wie Mehdi, der 12. Imam, auf dessen irdische Wiederkunft sie warten.

Mohammed

Für Aleviten ist Mohammed das Siegel, d.h. der letzte der Propheten. Niemand nach ihm hat den Titel des Propheten getragen. Als der letzte Prophet, Empfänger des Korans und Cousin und Schwiegervater Alis, hat er einen besonderen Stellenwert im Denken und Fühlen der Aleviten.

Wie wir später noch sehen werden, vereinigen viele Aleviten Mohammed und Ali zu einer einzigen Person und gebrauchen für diese den Doppelnamen Muhammed-Ali.

5. Der Glaube an das Gericht (Ahiret/ Yargilanma)

Wie bereits angedeutet, lehnen Aleviten die Vorstellung eines hartherzigen Gottes ab, der die Menschen danach beurteilt, wie gut sie ihren religiösen Pflichten nachgekommen sind. Kein Alevit dem ich begegnet bin oder über den ich gelesen habe, glaubt wortwörtlich an eine Hölle, in der Seelen auf ewig brennen müssen. Genauso verwerfen sie die Vorstellung eines Himmels, der die hier auf Erden lebenden rechtgläubigen Männer mit Genüssen wie Wein und Frauen belohnt. Aleviten lieben es, den türkischen Poeten Yunus Emre (13.-14. Jh.) zu zitieren. Dieser bekundete eine innere Liebe zu Gott, lehnte dabei jedoch gleichzeitig ein reales, die Sinne be-rauschendes Paradies ab:

„Sie sagen, der Himmel sei ein Palast mit Jungfrauen.

Gebe diese demjenigen, der sie will.

Was ich brauche, das bist Du, Du.“

(Cennet cennet dedikleri

Bir kösk ile bir kaç huri

Isteyene ver sen ani

Bana seni gerek seni.)

Im allgemeinen gehen Aleviten davon aus, Gott würde sie nicht danach richten, ob sie die religiösen Rituale genau eingehalten haben, sondern wie sie mit anderen Menschen umgegangen sind. Sie sagen, daß Gott ge-bietet:

„Komme nicht zu mir, wenn du einem anderen Menschen seine Rechte genommen hast.“ (Bana kul hakkiyla gelme.)

Kaygusuz Abdal, ein alevitischer Poet des 15. Jahrhunderts stellt sogar die weitverbreitete Vorstellung vom Gericht Gottes gänzlich in Frage. In den folgenden Versen wagt es der Dichter, Gott dem selben Test zu unterziehen, den dieser von den Menschen erwartet:

„Also hast du eine Brücke des Gerichts

- dünner als ein Haar -

für deine Sklaven gemacht,

die sie überschreiten sollen.

Wie wäre es aber, wenn wir dir dabei zuschauen,

wie du sie überschreitest,

wenn du mutig genug dafür bist?“

(Kildan köprü yaratmissin

Gelsin kullar geçsin deyü

Hele biz söyle duralim

Yigit isen geç a Tanri...)

6. Der Glaube an die Vorherbestimmung (Kader)

Die Lehre, Gott habe alles unter seiner Kontrolle, bestimme alles und sei die Quelle von Gut und Böse, ist im alevitischen Denken nicht sehr stark ausgeprägt. Dieses Konzept wird unterschiedlich bezeichnet und entspricht der Lehre von der Vorherbestimmung, dem sogenannten Determinismus (kader, alin yazisi). Aleviten, die an einen Gott der Liebe glauben, lehnen die Vorstellung ab, daß ein liebender Gott gleichzeitig die Quelle für das Böse sein könnte.

Die meisten Aleviten gehen im praktischen Leben davon aus, der Mensch sei in der Lage, sein Schicksal durch Bildung, Leistung und der Zusammenarbeit mit anderen zu beeinflussen. Eine weit verbreitetet Aussage ist: „Der größte Form der Anbetung ist die Arbeit“ (En büyük ibadet çalismaktir). Andererseits betrachten nahe-zu alle Aleviten Ereignisse wie etwa Unfälle, Krankheit oder den Tod als nicht unter ihrer Kontrolle stehend.

Die Darstellung des alevitischen Glaubens aus der Perspektive der sechs grundlegenden Glaubensaussagen des Islam sei hiermit abgeschlossen. Es soll nun dargelegt werden, wie Aleviten über die fünf Pfeiler der islamischen Glaubenspraxis denken.

Die alevitische Einstellung zu den fünf Säulen des Islam

Die fünf Säulen der islamischen Glaubenspraxis, wie sie im allgemeinen gelehrt werden, setzen sich zusammen aus:

1. Dem Glaubensbekenntnis

2. Dem Fasten

3. Dem rituellen Gebet

4. Der Almosengabe

5. Der Pilgerreise

1. Das Glaubensbekenntnis (Kelime-i sahadet)

Es wird gelehrt, daß jeder der Muslim werden will, das Bekenntnis „Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Gesandter!“ abzulegen hat. Dieses Bekenntnis schließt sowohl die Lehre über den einen Gott als auch die Lehre von Mohammed als seinen letzten Propheten ein. Einige Aleviten hängen diesem Bekenntnis noch den Satz an: „Ali ist der Vizeregent (veli) Gottes und Ali ist der Vertraute (vasi) Mohammeds.“

Die oben aufgeführten Ansichten der Aleviten in Bezug auf die sechs Hauptpunkte des islamischen Glaubens ließen bereits etwas von deren Einstellungen zu Gott und Mohammed erkennen. Es ist offensichtlich, daß Aleviten, wenn sie das Glaubensbekenntnis aussprechen, dabei das ihnen eigene Gottesbild und ihr Bild Mohammeds vor Augen haben.

Zudem legen die meisten Aleviten mehr Wert auf den Umgang der Menschen miteinander als auf eine saubere Theologie, d.h. sie fragen danach, ob sich jemand wie ein „menschliches Wesen“ (insan) verhält. In der Tat denken die meisten: „Das wichtigste ist nicht die Religion, sondern der Mensch“ (Önemli olan din degil, önemli olan insan olmak.).

2. Das rituelles Gebet (Namaz)

Kaum ein Alevit betet fünfmal am Tag oder geht zum Freitagsgebet in die Moschee. Dies gehört einfach nicht zum seinem religiösen Brauchtum. Es gibt einige Sprich-wörter, welche die Stellung der Aleviten zum rituellen Gebet prägnant ausdrücken:

„Wir beten keine rituellen Gebete, sondern unser Gebet ist flehentliches Bitten.“ (Bizde namaz yok, niyaz var.)

Das bedeutet für sie soviel wie: wenn wir in unseren Gottesdiensten beten, dann treten wir in eine tiefere geist-liche Gemeinschaft mit dem Leiter der Versammlung und mit Gott, als wenn wir einfach nur einem Gebetsritual folgen würden.

Wie bereits mehrfach erwähnt, sind den Aleviten die Beziehungen zu Menschen wichtiger als die Befolgung formeller religiöser Rituale. Zwei gängige alevitische Sprichwörter geben das gut wieder:

„Wenn Du eine andere Person verletzt, sind deine rituellen Gebete wertlos geworden.“ (Bir insani incitsen, kildigin namaz geçerli degil.)

„Meine Kaaba ist ein menschliches Wesen.“ (Benim Kâbem insandir.) (Die Kaaba ist das Gebilde im Hof der großen Moschee im saudi-arabischen Mekka. Nach ihr richten sich die Muslime bei der Verrichtung des rituellen Gebets aus und sie ist das Ziel der Pilgerreise von Millionen Muslimen). Diese zweite Aussage kann so inter-pretiert werden: Meine geistliche Aufmerksamkeit dreht sich um die Menschen um mich herum, nicht um eine Gebäude in Mekka.

Auch wenn Aleviten nicht in die Moschee gehen und auch nicht die täglichen rituellen Gebete befolgen, so hal-ten sie doch gemeinsame Anbetungszeiten in einer be-stimmten Form von Versammlung (cem oder ayini cem) ab.

3. Das Fasten (Oruç)

Diejenigen unter den Aleviten, die fasten, tun es in der Regel nicht in der regulären islamischen Fastenzeit, den dreißig Tagen des Monats Ramadan. Vielmehr findet die Hauptfastenzeit der Aleviten in den ersten zwölf Tagen des islamischen Monats Muharrem statt (Muharrem oder Mâtem Orucu), das heißt 20 Tage nach dem islamischen Opferfest (Kurban Bayrami). Dazu kommt noch ein weiterer alevitischer Fastenbrauch, nämlich eine dreitägige Fastenzeit (Hizir Orucu), die vom 13. bis 15. Februar stattfindet.

4. Die Almosengabe (Zekât)

Es gibt keine feste Form oder einen vorgegebenen Betrag, nach denen Aleviten ihre Almosen zu geben haben. Eine beliebte Methode ist es, Nahrungsmittel zu spenden, insbesondere Fleisch von Opfertieren, welches an zur Anbetung Versammelte und an Gäste verteilt wird. Aleviten spenden auch Geld, entweder um den Armen zu helfen, um die religiösen, weiterbildenden und kulturel-len Aktivitäten der alevitischen Zentren und Organisatio-nen (dergâh, vakif, dernek) zu unterstützen oder für Stipendien an bedürftige Studenten.

5. Die Pilgerreise (Hac)

Aleviten reisen nicht nach Mekka. Vielmehr ist es üblich, die Gräber (türbe) der Alevi-Bektaschi Heiligen zu besuchen (ziyaret) und dort zu beten (dua). Es wird aber von keinem Aleviten verlangt, diese Besuche zu machen. Man geht nicht dorthin, um im Himmel Punkte zu sammeln, sondern tut es, um innere Reinigung und Segen für sich selbst und andere zu erbitten. Einige der am häufigsten besuchten Stätten sind dabei:

1. Haci Bektas in Kirsehir

Hunderttausende von Aleviten versammeln sich jedes Jahr am 16. August zur Erinnerung an Hadschi Bek-tasch an seinem Ordenskloster (tekke) und seinem Grab.

2. Abdal Musa, Tekke Köyü, Elmali, Antalya

Dort finden jeweils im Juni besondere Feiern statt.

3. Sahkulu Sultan, Merdivenköy, Istanbul

Cem-Gottesdienste werden hier jeden Sonntag und an allen alevitischen Feiertagen abgehalten.

4. Karacaahmet Sultan, Üsküdar, Istanbul

Auch hier finden an jedem Sonntag und an allen alevitischen Feiertagen Cem-Gottesdienste statt.

5. Seyit Gazi, Eskisehir

 

IV. Brauchtum und Feiertage der Aleviten

Im folgenden sollen einige der für den interessierten Besucher auffälligsten und gleichzeitig bedeutsamsten alevitischen Bräuche und Feste beschrieben werden. Form, Bedeutung und Zeitpunkt können hier bei den einzelnen Alevi-Bektaschi Gruppen etwas variieren.

Die gemeinschaftliche Versammlung
(Cem oder Ayini Cem)

Der zentrale gemeinsame Gottesdienst der Aleviten wird auch Gemeindeversammlung (cem oder ayini cem) genannt. Aleviten glauben im allgemeinen, der Ursprung dieser cem gehe auf eine Versammlung zurück, bei der Ali vierzig besonders geistliche Personen (Kirklar Meclisi) in Anbetung und Lehre anleitete.

In Anatolien wurden diese Gottesdienste traditionell am Donnerstagabend abgehalten und cuma aksamlari genannt, was eigentlich „Freitagabende“ bedeutet. Aus praktischen Erwägungen heraus werden diese Treffen heutzutage an einigen Orten jedoch am Sonntag gehalten, da dies in der Türkei der offizielle wöchentliche Feiertag ist.

Ein Gebäude oder Raum, der speziell solchen Veran-staltungen dient, wird Versammlungshaus (cem evi) ge-nannt, jedoch kann das Treffen durchaus auch in einer Privatwohnung stattfinden. Die cem evi haben kein Minarett (minare) und cem-Versammlungen werden nicht durch einen Gebetsruf (ezan) angekündigt.

Die Versammlungen werden von einem „Großvater“ (dede) geleitet, dessen geistliche und moralische Autorität in der Gemeinschaft anerkannt ist und der den Anspruch erhebt, über die zwölf Imame direkt von der Familie Mohammeds abzustammen (seyyitlik). In Anatolien ist ein dede meist für eine bestimmte Region zuständig. Er trägt dann Verantwortung für ein, zwei, drei oder mehr Dörfer in denen er sich abwechselnd aufhält. Somit unterstehen ihm alle Bewohner dieser Dörfer.

Eine traditionelle alevitische cem, auch görgü cem genannt, steht nur solchen offen, die sich einander und ihrem dede verpflichtet haben. Keiner mit dieser Gruppe unversöhnten Person wird die Teilnahme an deren Ver-sammlung erlaubt. Bevor der dede den gottesdienstlichen Teil der Versammlung leitet, übt er sein Amt als Richter in einer Art öffentlichen Gerichtsverhandlung (halk mahkemesi) aus. Dort werden Streitigkeiten zwischen den Mitgliedern der Gemeinschaft beigelegt. Diejenigen, die sich weigern, ihre eigene Schuld zu bekennen oder sich mit anderen Mitgliedern zu versöhnen, werden vom dede zurechtgewiesen und aus der Gemeinschaft ausge-schlossen (düskünlük). Damit haben sie solange das Recht verloren, am Gottesdienst oder an Mahlzeiten der Gemeinschaft teilzunehmen, bis sie einsichtig geworden sind und sich zu ihrer Schuld bekennen.

In einigen Städten werden heute auch öffentliche cem-Versammlungen abgehalten. Deren Form unterschei-det sich etwas von einer traditionellen Dorf-cem. Zur Teilnahme an dieser Art von Versammlung kann auch ein Besucher eingeladen werden. Manche werden auch über das Fernsehen ausgestrahlt.

Der dede sitzt bei der cem auf einem Schaffell (post) auf dem Boden an einem Ende des Raums. Die ver-sammelte Gemeinschaft, die sowohl aus Männern als auch aus Frauen besteht, sitzt im Kreis auf dem Boden. Es besteht keine räumliche Trennung zwischen Männern und Frauen. Von den Frauen wird auch nicht verlangt, irgendeine bestimmte Art von Kleidung oder Kopfbe-deckung zu tragen. Kinder dürfen auch anwesend sein.

Die Teilnehmer der Versammlung ziehen ihre Schuhe aus, bevor sie den Raum betreten. Ein Besucher wird feststellen, daß Aleviten in der Regel die zeremoniellen Waschungen (abdest) unmittelbar vor dem Gottesdienst nicht beachten. Vielmehr werden die Teilnehmer angewiesen, daß sie bereits gebadet oder geduscht zum Gottesdienst kommen sollen. Die meisten Aleviten sagen, daß es mindestens genauso wichtig ist, innerlich rein (batini oder iç temizlik) zum Gottesdienst zu kommen, wie äußerlich rein zu sein (zahiri oder dis temizlik). Manche vertreten sogar die Meinung, die innere Sauberkeit sei noch wichtiger.

Der Gottesdienst selbst besteht im wesentlichen aus Gebeten, die der dede spricht, kurzen religiösen Ansprachen, Sologesang und dem gemeinsamen Gesang der Versammlung. Ein weiteres Schlüsselelement ist der kreisende, rituelle Tanz (semah), der von einer unter-schiedlich großen Gruppe ausgewählter Männer und Frauen aufgeführt wird. Während des Singens und dem rituellen Tanz spielt der dede ein siebensaitiges lauten-ähnliches Instrument (saz, baglama). Manchmal begleitet ihn dabei ein zweiter Musiker oder dieser übernimmt das Spielen vollständig. Zu bestimmten Zeiten im Gottesdienst nimmt die Gemeinde mit untergeschlagenen Beinen oder kniend eine Haltung der Anbetung ein. Gelegentlich beugen alle gemeinsam den Kopf zu Boden (halka namaz).

Der Gottesdienst wird vollständig auf Türkisch abgehalten, inklusive Gebet und Gesang. Es kann jedoch vorkommen, daß in einer cem Teile des Koran auf arabisch vorgelesen werden. Die Themen der Lieder, Gebete und Ansprachen sollen die Gemeinde dazu ermutigen, Gott zu lieben, den Mitmenschen zu lieben und die Lehren Mohammeds, Alis, der zwölf Imame und Hadschi Bektaschs in die Praxis umzusetzen. Ein emotionaler Höhepunkt des Gottesdienstes sind eine oder mehrere Lieder, die im Ge-denken an die Ermordung Alis und seiner Söhne gesun-gen werden. Dabei wird besonders an die Ermordung von Hüseyin, Alis Sohn, in der Schlacht von Kerbela gedacht.

Zum Abschluß der Veranstaltung nimmt die Gemein-de ein gemeinsames Mahl (lokma) ein. Dieses Essen be-steht vor allen Dingen aus dem Fleisch eines Schaf-bocks, der in einer zeremoniellen Opferhandlung (kurban) geschlachtet wurde.

Das Treffen beinhaltet zwar noch weitere Einzelheiten, wie etwa die „zwölf Taten des Dienens“ (oniki hizmet), jedoch sollte dieser Überblick dem Leser bereits einen Eindruck von der Zeremonie vermittelt haben.

Trotzdem der Glaube der Aleviten eine stark mystische Dimension beinhaltet, haben ihre religiösen Handlungen (erkân) festgefügte Formen bzw. Abläufe. Traditionell orientierte Aleviten sind davon überzeugt, daß be-stimmte Rituale und Gebete während der cem und auch bei anderen Zeremonien nach fest vorgegebenen Ordnungen durchzuführen sind und in ihrem Wortlaut nicht verändert werden dürfen. Da alevitische Formen und Traditionen von Generation zu Generation eher mündlich als schriftlich überliefert worden sind, weichen sie regional voneinander ab. Weniger traditionalistische Aleviten sind ohnehin der Meinung, daß es nicht unbedingt erforderlich ist, irgendeine bestimmte Form ganz streng einzuhalten.

Der Semah-Tanz

Semah ist der Name eines Anbetungstanzes, der durch das Drehen der Tänzer um die eigene Achse ge-kennzeichnet ist. Es gibt ihn jedoch in verschiedenen For-men. Er wird von Männern und Frauen zur Musik der saz aufgeführt und ist fester Bestandteil der cem. Dieser Tanz symbolisiert das Ablegen des eigenen Ich und das Einswerden mit Gott.

Die geistliche Bruderschaft (Müsahiplik)

Ein Eckstein im Glauben und in der Gesellschaft der Aleviten ist müsahiplik, ein Bund zwischen zwei ver-heirateten Paaren. Während einer Zeremonie in Gegen-wart des dede versprechen diese beiden Paare auf Lebenszeit, sich und ihren Kindern in geistlichen, emotionalen und praktischen Dingen zur Seite zu stehen. Ein solcher Bund zwischen Ehepaaren wird mindestens als so verbindlich erachtet wie die Verpflichtungen, die unter Blutsverwandten bestehen. Daher spricht man bei müsahiplik auch von geistlicher Bruderschaft (manevi kardeslik).

Das Fasten im Monat Muharrem
(Muharrem oder Mâtem Orucu)

Diese wichtigste Fastenzeit der Aleviten wird im allgemeinen entweder in den ersten zwölf Tagen des Monats Muharrem oder 20 Tage nach dem Opferfest (Kurban Bayrami) gehalten. Zusätzlich zum Verzicht auf Nahrung von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, verzichten viele Aleviten in dieser Zeit auch Tag und Nacht auf das Trinken von Wasser, wobei sie an den Abenden jedoch andere Flüssigkeiten zu sich nehmen. Während dieser Fastenzeit vermeiden Aleviten jegliche Form von Annehmlichkeiten und Vergnügen. Ein Hauptanliegen dieser Fastenzeit ist es, die Ermordung von Hüseyin, dem Sohn Alis während der Schlacht von Kerbela, zu betrauern.

Aschure (Asure Günü)

Als Abschluß der Fastenzeit im Monat Muharrem wird eine besondere Speise zubereitet (asure), die sich aus verschiedenen (oft genau zwölf) Sorten von Körnern, Früchten und Nüssen zusammensetzt. Viele Ereignisse werden mit diesem Anlaß in Verbindung gebracht, wie etwa die erste Mahlzeit Noahs und seiner Familile nach der Sintflut, nachdem die Arche auf dem Berg Ararat gelandet war oder die Rettung von Zeynel Abidin, dem Sohn Hüseyins im Massaker bei Kerbela, wodurch ge-währleistet wurde, daß sich die Blutlinie des Propheten fortsetzen konnte.

Die Fastenzeit des Hizir (Hizir Orucu)

Viele Aleviten halten Mitte Februar eine dreitägige Fastenzeit zu Ehren von Hizir (Hizir), einem Fabelwesen, von dem angenommen wird, daß es durch die Jahrhunderte hindurch von Gott gesandt wurde, um Menschen in Not zu helfen.

Hidrellez (Hizir-Ilyas oder Hidrellez)

Gemäß einer Legende haben sowohl Hizir als auch der Prophet Elia (Ilyas) vom Wasser des Lebens getrunken. Hizir eilt denjenigen zur Hilfe, die auf dem Land in Not geraten sind. Elia hilft bei Gefahren auf dem Wasser. Viele glauben, daß sich Hizir und Elia am Abend des 6. Mai jeden Jahres unter einem Rosenbaum treffen.

Opfer (Kurban) und Mahlzeiten (Lokma)

Wie schon weiter oben erwähnt, sind das Opfern von Schafen und das Gemeinschaftsmahl Bestandteile der cem-Zeremonie. Auch anläßlich des Gedenkens an ge-liebte Verstorbene werden Schafe geopfert und es wird gemeinsam gegessen. In einer Tradition, die „Abdal Musa-Opfer“ (Abdal Musa Kurbani) genannt wird, versammeln sich Dorfbewohner einmal im Jahr während der Wintermonate, um Schafe zu opfern, ein gemeinsames Essen miteinander zu haben, sich miteinander zu versöhnen und Segen zu erbitten. In den Städten lebende Aleviten versammeln sich zu diesem Anlaß oft in einem der Versammlungsszentren. In Zentren, wie dem Sahkulu Sultan Dergâhi und dem Karacaahmet Sultan Dergâhi in Istanbul werden nicht nur während des Opferfestes sondern täglich Schafe geopfert. Die Türen werden geöffnet und jedem wird kostenlos lokma (eine Mahlzeit aus Lammfleisch und Reis) und ayran (einem Getränk aus Joghurt und Wasser) angeboten.

Newroz (Nevruz)

Der 21. März wird von den meisten Aleviten als Tag der Erneuerung, Versöhnung und des Frühlingsanfangs gefeiert. Viele glauben, auf diesen Tag falle der Geburts-tag Alis. Manche glauben auch, es handle sich um den Hochzeitstag von Ali und Fatima, den Tag, an dem Josef aus dem Brunnen gezogen wurde, oder auch den Tag, an dem Gott die Welt erschaffen habe. Nevruz wird mit cem-Treffen und besonderen Programmen begangen.

Alevitische Organisationen, Anbetungshäuser und Gemeinschaftszentren

Fast jeden Monat werden überall im Land neue alevi-tische Organisationen, Stiftungen und Verbände gegrün-det. Viele dieser Gruppen bemühen sich um den Erhalt und die Fortsetzung der Alevi-Bektaschi Kultur. Einige verfolgen auch politische Ziele, die für Aleviten von be-sonderer Bedeutung sind.

Cem evi findet man heute in vielen Stadtteilen aller großen türkischen Städte und in einer ganzen Reihe von Provinzhauptstädten. Sie sind eine Ergänzung zu den historischen alevitischen Gebäuden (dergâh), die erst vor kurzem wieder restauriert worden sind. Diese cem evi und dergâh wurden nicht nur als Orte der Anbetung, sondern als Mehrzweckgebäude für die Gemeinde errichtet.

Hier einige der Aktivitäten und Dienstleistungen, die von heutigen alevitischen Organisationen und Zentren angeboten werden:

Wöchentliche Versammlungen (cem)

Unterricht in saz (Saiteninstrument) und semah (typischer alevitischer Tanz)

Schlachten von Opfertieren und Zubereiten von Gemeinschaftsmahlzeiten (kurban und lokma)

Ergänzender Schulunterricht

Fremdsprachenunterricht

Handarbeits- und berufsvorbereitendes Training für Frauen

Medizinische und zahnmedizinische Kliniken

Brautkleiderverleih

Kurse und Seminare über die Geschichte und Kultur der Alevi-Bektaschi

Stipendienprogramme für Universitätsstudenten

Verkauf von Büchern und Musikaufnahmen

Bibliotheken

Herausgabe von Büchern und Zeitschriften

Produktion und Ausstrahlung von Radio- und Fernsehprogrammen

Bestattungsdienste

 

V. Die alevitische Sicht von Ali

Der Begriff Alevi kann im Deutschen einfach als „von Ali“ oder „Nachfolger Alis“ wiedergegeben werden. Die Endung -evi wird im Türkischen auch für gebräuchliche Bezeichnungen zweier anderer Religionen verwendet: Musevi (für die Nachfolger von Mose (Musa), also die Juden) und Isevi (für die Nachfolger von Jesus (Isa), also die Christen).

Es wird viel darüber diskutiert, ab wann sich die ana-tolisch-alevitische Bevölkerung, nun tatsächlich Aleviten genannt hat. Für unsere Zwecke reicht jedoch die Fest-stellung aus, daß diese Bezeichnung heute von ihnen be-vorzugt wird.

Es ist recht auffällig auf, von welch zentraler Bedeutung Ali für die heutigen Aleviten ist. Sein Bild hängt in jeder alevitischen Anbetungsstätte und in den Räumlichkeiten jeder alevitischen Vereinigung. Außerdem erscheint es oft auf der Titelseite alevitischer Veröffentlichungen. Viele Familien haben ein Bild von Ali in ihrer Wohnung. Manche, besonders junge Leute, tragen eine goldene Nachbildung vom Schwert Alis (zülfikar) an einer Kette um den Hals.

Grundsätzliche Ansichten zu Ali

Während es unter Aleviten eine große Spannbreite von Meinungen darüber gibt, wer genau Ali war oder ist, stimmen die meisten in den folgenden Punkten überein:

Ali war Mohammeds Cousin (amca oglu) und Schwiegersohn (damat), der mit Fatma, der Tochter des Propheten verheiratet war.

Ali war der Erste, der an Mohammeds Prophetenschaft geglaubt hat. Deshalb wurde er auch der erste Muslim.

Ali war diejenige Person, die Mohammed am nächsten stand.

Ali war von Mohammed zu dessen Nachfolger bestimmt worden und galt damit als der erste Kalif. Aber seine Rivalen sollen ihm dieses Recht gestohlen haben. Mohammed habe die Absicht gehabt, die Leiterschaft über die Muslime seiner eigene Familie zu übertragen (ehli beyt), was mit Ali, Fatma und ihren beiden Söhnen Hasan und Hüseyin seinen Anfang genommen hatte. Ali, Hasan und Hüseyin werden als die ersten drei Imame bezeichnet, und die folgenden neun der insgesamt zwölf Imame (oniki imam) stammen aus der Blutlinie Hüseyins. Die Namen sowie die ungefähren Geburts- und Todesdaten (nach Chr.) der zwölf Imame sind wie folgt anzusetzen:

Imam Ali (599-661)

Imam Hasan (624-670)

Imam Hüseyin (625-680)

Imam Zeynel Abidin (659-713)

Imam Muhammed Bakir (676-734)

Imam Cafer-i Sadik (699-766)

Imam Musa Kâzim (745-799)

Imam Ali Riza (765-818)

Imam Muhammed Taki (810-835)

Imam Ali Naki (827-868)

Imam Hasan Askeri (846-874)

Imam Muhammed Mehdi (869- )

Die meisten Aleviten glauben, daß der zwölfte Imam, Muhammed Mehdi, im Verborgenen aufgewachsen sei, um vor denen geschützen zu werden, welche die Familie Alis auslöschen wollten. Viele Aleviten glauben, Mehdi sei immer noch am Leben und/oder werde eines Tages wieder auf die Erde zurückkommen.

Abweichende Ansichten über Ali

Abgesehen von diesen grundlegenden Annahmen gibt es unter Aleviten ein breites Spektrum von Mei-nungen über die wahre Natur Alis. Die folgenden Bemerkungen stützen sich alle auf eine Kombination aus Koranversen, Hadithen und mündlicher Überlieferung (rivayet). Zu den heute unter Aleviten geläufigsten Vor-stellungen über Ali gehören die folgenden:

1. Ali ist - abgesehen von den Propheten - das höchste Beispiel eines vollkommenen Menschen. Es werden ihm nahezu übernatürliche Kräfte und Geistesweisheit zugeschrieben, womit ihm eine prophetenähnliche Stellung eingeräumt wird. Ein Beispiel dafür ist diese Aussage (von der manchmal behauptet wird, sie stamme von Mohammed selbst):

„Mohammed ist die Stadt des geistlichen Wissens, Ali ist die Tür dorthin.“ (Muhammed ilim sehridir, Ali kapisidir.)

2. Ali ist Mohammed in Erkenntnis und Autorität gleichwertig. Ali und Mohammed sind miteinander ver-bunden wie die zwei Seiten einer Münze oder die zwei Hälften eines Apfels, wie es das folgende Gedicht aus-drückt:

„Ali ist Mohammed, Mohammed ist Ali,

ich sah einen Apfel, preis sei Allah.“

(Ali Muhammed'dir, Muhammed Ali

Gördüm bir elmadir, elhamdü-lillâh.)

In einem weiteren Ausspruch, der von Mohammed stammen soll, heißt es:

„Vor der Erschaffung Adams waren wir ein glor-reiches Licht; das Licht der Ehre auf Adams Stirn wurde in zwei Hälften geteilt; eine Hälfte erschien auf meiner, die andere auf Alis Stirn.“ (Hz. Âdem yaratilmadan önce tek nur idik; Hz. Âdem'in alnindaki nur ikiye bölünmüs ve birisi benim, birisi de Ali'nin alninda dogmustur.)

3. Ali ist Gottheit in einer Dreieinigkeit mit Allah und Mohammed (Hak-Muhammed-Ali).

Die meisten Aleviten zitieren die folgende Formel in ihren Gebeten: „Für die Liebe Gottes, Mohammeds und Alis“ (Hak-Muhammed-Ali askina). Viele, die den Aus-druck „Allah-Mohammed-Ali“ verwenden, setzen damit bewußt die Autorität dieser drei gleich.

4. Ali ist Gott

In einem Gedicht, das von dem Leiter einer Bektaschi-Loge namens Hilimi Dede Baba verfaßt wurde und von vielen Aleviten zitiert wird, sagt der Dichter, daß wo auch immer er hinschaue - zu Adam und Eva, Noah, Abraham oder selbst in den Spiegel - „Ali erschien vor meinen Augen“ (Ali göründü gözüme). Ich verstehe diese Aussage so, als sei Ali zeitlos und überall gegenwärtig. Das Gedicht geht wie folgt weiter:

„Er ist Jesus, der Geist Gottes,

Er ist der König dieser Welt und der nächsten,

Er ist der Beschützer der Gläubigen,

Ali erschien vor meinen Augen.“

(Isa-yi ruhullah O'dur

Iki alemde Sah Odur

Müminlere penah O'dur

Ali göründü gözüme.)

Die letzte Strophe des Gedichtes lautet:

„Ali ist der Erste, Ali ist der Letzte,

Ali ist inneres Wissen, Ali ist äußerliches Wissen,

Ali ist rein, Ali ist glorreich.“

(Ali evvel Ali ahir

Ali batin Ali zâhir

Ali tayyib Ali fâhir.)

Ein weiteres von Aleviten zitiertes Gedicht wird Jalaladdin Rumi (Mevlana) zugeschrieben, der zu den größten türkischen Mystikern gezählt wird, sich selbst aber, wie im allgemeinen angenommen wird, nicht als Alevit sah:

„Bei der Entstehung der Welt

war Ali gegenwärtig.

Während die Welt geformt wurde,

war Ali dabei.

Bis die Welt ihre Grundform angenommen hatte,

war Ali anwesend.“

(Cihan var oldukça Ali var idi.

Cihan var olurken de Ali vardi.

Cihan'in temeli suret buluncaya kadar

Var olan Ali idi.)

 

VI. Aleviten, Hadschi Bektasch und die Bektaschi

Anders, aber doch dem anatolischen Alevitentum ähnlich, ist der religiöse Orden oder die Sekte (tarikat) der Bektaschi, die nach Hadschi Bektasch (Hünkâr Haci Bektas Veli, 13. Jh.) benannt wurde. Historisch gesehen gab es zwei Gruppen von Bektaschi. Eine, die Çelebis, behaupteten von sich, direkte Nachfahren von Hadschi Bektasch zu sein (bel evladi). Eine größere Gruppe von Bektaschi, auch Dedes oder Dedebabas genannt, behaupteten, Hadschi Bektasch habe gar keine biologischen Nachkommen gehabt, sondern nur geistliche Jünger (yol evladi). Bektaschi leben in Anatolien und auf dem Balkan, insbesondere in Albanien.

Es bestand die allgemeine Auffassung, Alevit könne man nur werden, indem man in eine alevitische Familie hineingeboren wird, Bektaschi dagegen könne man werden, indem man dieser Sekte beitritt. Historisch gesehen kann sehr verallgemeinernd gesagt werden, daß die Bektaschi ursprünglich zur gebildeten städtischen Bevölkerung gehörten, während die Aleviten in den anatolischen Dörfern lebten.

Um zu zeigen, daß moderne Aleviten und Bektaschi-gruppen mehr Gemeinsames als Trennendes haben, reden Aleviten oft von der „Alevi-Bektaschi Kultur“ (kültür), vom „Alevi-Bektaschi Glauben“ (inanç) oder von der „Alevi-Bektaschi Philosophie“ (felsefe). Der Unterschied zwischen beiden Gruppierungen wird so beschrieben: „Es gibt keinen Unterschied im Weg, nur in den Praktiken“ (Yol farki yok, sürek farki var); und: „Der Weg ist der-selbe, die Form tausend und eine“ (Yol bir, sürek bin bir).

Die heutigen Aleviten räumen Hadschi Bektasch einen hohen Stellenwert ein. In ihren Vereinigungen und Gemeinschaftszentren wird sein Bild mit Stolz gezeigt, und Vereinigungen werden nach ihm benannt. Hundert-tausende von Aleviten besuchen jedes Jahr im August sein Grab in Kirsehir.

Es gibt nur sehr wenige historisch belegte Infor-mationen über Hadschi Bektasch. Allgemein anerkannt ist, daß er Turkmene war, gebürtig aus Horasan im heutigen Iran, als Mystiker ausgebildet wurde und später nach Anatolien zog. Er ließ sich an einem Ort nieder, der heute die „Stadt des Hadschi Bektasch“ genannt wird und starb um das Jahr 1271 n. Chr.. Über diese Tatsachen hinausgehend gibt es viele Geschichten über Hadschi Bektasch, deren Wahrheitsgehalt in Frage gestellt werden muß. Viele dieser Erzählungen stellen ihn als einen Mann mit übernatürlicher Weisheit und Kraft dar.

Die heutigen Aleviten lieben es, Aussagen zu zitier-en, die man Hadschi Bektasch zuschreibt. Hier einige Beispiele:

„Suche und finde.“ (Ara bul.)

„Vergiß nicht, daß dein Feind auch ein menschliches Wesen ist.“ (Düsmaninizin dahi insan oldugunu unutmayiniz.)

„Lehrt die Frauen!“ (Kadinlari okutun.)

„Tue niemanden etwas an, von dem du nicht willst, daß man es dir antut!“ (Nefsine agir geleni kimseye tatbik etme.)

„Kritisiere keinen Menschen und kein Volk!“ (Hiç bir milleti ve insani ayiplamayiniz.)

„Auch wenn du beleidigt wirst, beleidige du den anderen nicht!“ (Incinsen de incitme.)

„Übernimm Verantwortung für deine Worte, Taten und deine Moral!“ (Eline diline beline sahip ol.)

„Übernehme Verantwortung für deinen Partner, deine Arbeit und dein Essen!“ (Esine, isine, asina sahip ol.)

 

VII. Aleviten und Mystik

Es wurde bereits weiter oben in den Abschnitten über die alevitische Sicht zu den heiligen Bücher sowie dem rituellen Gebet darauf hingewiesen, daß Aleviten eine verinnerlichte, tiefe und mystische Dimension in deren Interpretation hineinbringen. Im Islam wird diese Sicht-weise Sufismus (sufilik oder tasavvuf) genannt. Eine solch innere oder mystische Einstellung zum Leben hat freilich auch Auswirkungen auf die alevitische Aus-legung des religiösen Gesetzes und anderer religiöser Formen.

Wenn Aleviten darüber reden, wie wichtig ihnen Ali, Kerbela und die zwölf Imame sind, dann stellen sie meist schnell klar: „Wir lieben Ali und die Familie des Propheten, aber abgesehen davon haben wir absolut keine andere Gemeinsamkeit mit den orthodoxen, gesetzlichen Schiiten des heutigen Iran.“ Anatolische Aleviten nutzen ihre mystische Haltung zum Leben dazu, sich von solchen Gruppen abzugrenzen, die auf eine wörtliche Befolgung des religiösen Gesetzes (seriat) bestehen.

Vier Türen, vierzig Stufen (Dört kapi kirk makam)

Worin sich Aleviten von den gesetzlichen Muslimen unterscheiden und daß sie dennoch die Familie des Propheten lieben, illustrieren sie gerne mit dem Konzept der „vier Türen und vierzig Stufen“ (dört kapi kirk makam). Dieses beschreibt den Weg, den eine Person durchläuft, die sich einem lebenden, geistlichen Leiter (dede, pir, mürsit) anschließt. Dieser Leiter führt seine Nachfolger durch eine Reihe von vier „Türen“ (kapi), von denen jede wiederum zehn „Stufen“ (makam) beinhaltet. Die erste Tür durchschreitet man als Novize. Wem es gelingt, durch die vierte Türe zu gehen, gelangt zur Einheit mit der letztgültigen Wahrheit (hakikat). Die Namen der Türen lauten: religiöses Gesetz, geistlicher Pfad, geistliches Wissen/Fähigkeit und geistliche Wahrheit (seriat, tarikat, marifet, hakikat).

In den Augen der Aleviten ist jemand, der nur an die Regeln des religiösen Gesetzes glaubt, auf der Anfangsstufe geistlicher Erkenntnis stehengeblieben. Wer durch die Beziehung zu einem geistlichen Leiter auf die nächste Stufe gelangt, hat religiöse Gesetzlichkeit hinter sich gelassen und begonnen, den Pfad innerer, tieferer geistlicher Einsicht zu beschreiten.

Der „vollkommene Mensch“ (Insan-i kâmil)

Im Zusammenhang mit der Idee, durch verschiedene Stufen geistlicher Entwicklung gehen zu müssen, um Einheit mit der Wahrheit zu erlangen, steht auch das Konzept der absoluten Ganzheit. Man nennt diesen Vor-gang auch „ein vollkommener Mensch“ (Insan-i kâmil) werden. Ich meine beobachtet zu haben, daß die meisten Aleviten heute den vollkommenen Menschen durch faßbare Begriffe definieren. Er ist jemand, der seine ich-bezogenen Wünsche (eline, diline, beline sahip) zu kontrollieren weiß, der alle Menschen gleich behandelt (yetmis iki millete ayni gözle bakar) und sich für die Interessen anderer einsetzt.

„Ich bin Wahrheit“ (Enel Hak)

Wie bereits erwähnt, beinhaltet der Gedanke, als Anbeter zur Einheit mit Hak, - d.h. mit der Wahrheit, der Wirklichkeit oder mit Gott - zu gelangen, einen be-deutenden Aspekt alevitischer Mystik. Aleviten erzählen dazu gerne die Geschichte von Hallac-i Mansur, einem sufistischen Mystiker aus dem 10. Jh. n. Chr., der gesagt hat „Ich bin Wahrheit“ (Enel Hak). Religiöse Autoritäten sahen damals in dieser Aussage die Absicht Mansurs, sich wortwörtlich mit Allah auf eine Ebene zu stellen. Sie ermordeten ihn in Bagdad auf brutale Art und Weise für seine, wie man es nannte, gotteslästerlichen mystischen Ansichten.

Aleviten und Mevlana

Alevi-Bektaschi sind nicht mit den Nachfolgern Jelaladdin Rumis, auch als Mevlana bekannt, gleich-zusetzen. Mevlana lebte im 13. und 14. Jh. n. Chr. in Konya und war der Gründer einer Gruppierung, die Mevlevi oder auch die tanzenden Derwische genannt wird. Seine mystischen Gedichte sind weltberühmt und werden von Aleviten und türkischen Muslimen aller Richtungen zitiert. Obwohl der Leser Gemeinsamkeiten zwischen den Ansichten und Praktiken der Alevi-Bektaschi und den Mevlana-Derwischen finden wird, ist es wichtig, diese Gruppen nicht zu verwechseln oder als identisch zu betrachten.

 

VIII. Aleviten und Volksfrömmigkeit

Viele Ansichten und Praktiken einer bedeutenden Anzahl heutiger Aleviten weisen deutliche Spuren von Volks- oder Aberglauben aus. Dazu gehören unter anderem der Glaube an nicht dokumentierte Wundertaten (kerametler) der Alevi-Bektaschi Heiligen und der dede. Zum Beispiel wird behauptet, Ali sei Mohammed als sprechender Löwe erschienen. Hadschi Bektasch soll auf wundersame Art und Weise nach Mekka befördert worden sein (daher sein Name Hadschi, dem Titel für Pilger nach Mekka). Abdal Musa (ein Jünger der Hadschi Bektasch Loge im 14. Jh. n. Chr.) soll bewirkt haben, daß im Sommer Wasser von der einen Seite eines Berges geflossen sei und im Winter von der anderen Seite. Balim Sultan (Bektaschi-Leiter aus dem 15. Jh.) soll durch eine wundergewirkte Geburt zur Welt gekommen sein.

Hadschi Bektasch werden noch weitere Wunder zugeschrieben, für die es angeblich Hinweise im Umkreis der Hadschi Bektasch-Stadt Kirsehir geben soll. Als ich dort zu Besuch war, wurde mir z.B. von einem Einheimischen die Legende vom „Stein mit dem Loch“ (delikli tas) erklärt. Gemäß dieser Geschichte, die ich hörte, während ich vor dem delikli tas stand, hatten Soldaten das Haus von Hadschi Bektasch angegriffen und er floh auf seinem Pferd in die nahegelegenen Hügel. Dort versteckte er sich unter einem Felsvorsprung. Die feind-lichen Soldaten belagerten Hadschi Bektasch für vierzig Tage und Nächte. Dann schlug Hadschi Bektasch mit seiner Faust ein Loch in den Fels, das gerade groß genug war, um ihn und sein Pferd hindurch zu lassen und zu fliehen. Danach verkleinerte sich die Öffnung auf etwa Schulterhöhe.

Noch immer ist das Loch in jenem Felsen zu sehen. Viele Aleviten glauben, es werde sich weit genug ver-größern, wenn eine gerechte Person den Versuch unter-nimmt, durch dieses hindurchzukriechen. Wenn sich je-doch eine ungerechte Person hindurchzwängen möchte, so wird die Öffnung noch kleiner und der Person gelingt es nicht. Jedes Jahr versuchen hunderte von Personen, durch dieses Loch zu gelangen.

Viele der heutigen Aleviten befolgen noch weitere Praktiken volkstümlichen Glaubens, deren Ursprung meist im Dunkeln liegt. Dazu gehören unter anderem:

Das Anzünden von Kerzen an den Gräbern von Heiligen

Das Küssen der Türrahmen heiliger Räume

Nicht auf die Türschwelle heiliger Gebäude zu treten

Das Gebet bekannter Heiler zu suchen

Wünsche auf ein Stück Stoff zu schreiben und an Bäume zu binden, denen geistliche Macht zugeschrieben wird.

 

IX. Aleviten, Vorurteile und Verfolgung

Nahezu alle Aleviten haben das Gefühl, seit Jahr-hunderten für ihren Glauben und ihre kulturellen Werte verfolgt zu werden. Dieses Vorurteil ist sicher einer der Gründe dafür, warum sich erst in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts eine größere Anzahl von Aleviten durch Publikationen und Gründung verschiedener Organisation-en öffentlich zu ihrem Glauben und ihrer Kultur bekannt haben. Eindeutige Vorfälle von Benachteiligung und Ver-folgung gegen Aleviten haben in den vergangenen Jahren Schlagzeilen in der einheimischen und ausländischen Presse gemacht. Ich möchte hier drei Beispiele für Diskriminierung und zwei aktuelle Vorfälle für Gewalt gegen Aleviten erwähnen, die sie oft zur Untermauerung ihrer bedrängten Lage anführen.

Verleumdung (iftira) an öffentlichen Schulen

Alevitische Schüler und Eltern beschweren sich häu-fig darüber, Religionslehrer an den öffentlichen Schulen würden in ihrem Unterricht das Alevitentum entweder vollkommen ignorieren oder als unmoralische, nicht-muslimische Religion beschreiben. Viele Aleviten bekla-gen, ihre Kinder fühlten sich durch solche Verleum-dungen erniedrigt und hilflos, sich der Aussagen der Lehrer zu erwehren.

„Die Kerze ging aus“ (mum söndü)

Viele Nicht-Aleviten meinen, Aleviten hielten ihre cem-Zeremonien am Abend ab, und sie würden dabei alle Lichter auslöschen um dann sexuelle Orgien abzuhalten. Aleviten weisen auf ein Ereignis im Februar 1997 hin, um zu zeigen, wie tief dieses Vorurteil verwurzelt ist. Damals wurde im türkischen Fernsehen und in den Zeitungen mit dem Slogan: „eine Minute Dunkelheit damit es hell wird“ (Aydinlik için bir dakika karanlik) für eine Aktion gegen Korruption in der Regierung geworben. Alle Bürger, die ihre Unterstützung für eine saubere, transparente Regierung zeigen wollten, sollten in ihren Häusern einen Monat lang jeden Abend um 21.00 Uhr ihre Lichter ausschalten. Um sein Mißfallen an diesem Protest auszudrücken, äußerte sich der Justizminister ge-genüber der nationalen Presse so: „Sie praktizieren ‚die Kerze ausmachen‘“ (‚mum söndü‘ yapiyorlar).

Kizilbaslik

Kizilbasch (Kizilbas - wörtlich „Rotkopf”) ist ein Begriff, der früher für alevitische Gruppen in Anatolien verwendet wurde. Es herrscht Unklarheit darüber, wann genau dieser Begriff das erste Mal verwendet wurde. Es scheint jedoch gesichert, daß er auf das Tragen einer roten Kopfbedeckung durch Krieger alevitischer Turk-menenstämme in der Schlacht zurückzuführen ist. Aller-dings ziehen es die Aleviten heutzutage vor, sich nicht als Kizilbas zu bezeichnen. Der Begriff wird jedoch von Nicht-Aleviten dazu verwendet, um anzudeuten, Aleviten seien unmoralisch.

Aleviten weisen auf eine Situation hin, in dem dieses Vorurteil eine Rolle spielte. Sie ereignete sich im Januar 1995 im Rahmen der Fernsehshow eines privaten Sen-ders. In dem Versuch, besonders witzig zu sein, hatte man eine der Assistentinnen des Showmasters so ange-kleidet, daß man annehmen konnte, sie sei schwanger. Der Showmaster meinte zu ihr: „Ich hoffe das Baby ist nicht von mir?“ (Umarim benim degildir). Die junge Frau antwortete: „Nein es ist von meinem Vater“ (Yok, babamin). Daraufhin sagte der Mann: „Ich wußte gar nicht, daß Du eine Kizilbas bist“ (Kizilbas oldugunu bilmiyordum)!

Sivas

Im Juli 1993 wurde von der alevitischen Gruppierung „Pir Sultan Abdal-Vereinigung“ eine Konferenz in der Hauptstadt der Provinz Sivas veranstaltet. Nicht alle Teilnehmer waren Aleviten. Einer der nicht-alevitischen Teilnehmer war der türkische Autor Aziz Nesin, der vor allem durch seine klaren Stellungnahmen gegen reli-giösen Fanatismus bekannt geworden ist. Am Freitag-nachmittag, dem 2. Juli, protestierte vor dem Konferenz-ort, einem Hotel, eine Menschenmenge gegen die Kon-ferenz und die Anwesenheit von Nesin. Das Hotel geriet in Brand und 37 Menschen starben in den Flammen.

Aleviten beurteilen diesen Vorfall im allgemeinen folgendermaßen: Die Demonstranten seien wütend darüber gewesen, daß die alevitische „Pir Sultan Abdal-Vereinigung“ Aziz Nesin in ihre Stadt eingeladen hatte, und außerdem wären sie beim Freitagsgebet in den Moscheen zur Gewalt aufgewiegelt worden. Aleviten sind der Meinung, bestimmte Behördenvertreter hätten genauso Schuld an dem Brand wie die eigentlichen Täter, weil sie nicht einschritten, um die Demonstranten vom Anstecken des Hotels abzuhalten. Außerdem sind viele Aleviten der Ansicht, die Regierung habe die für den Vorfall Verantwortlichen nicht schnell genug vor Gericht gebracht.

Gaziosmanpascha, Istanbul

Im März 1995 feuerte ein Unbekannter mit einem Maschinengewehr in ein von Aleviten besuchtes Tee-haus. Dabei wurden zwei Männer getötet, einer von ihnen war ein alevitischer dede. Viele Bewohner dieses Stadt-teils, in dem mehrheitlich Aleviten leben, demonstrierten anschließend auf der Straße. Sie waren davon überzeugt, die Polizei sei bei ihren Ermittlungen zu diesem Vorfall weder schnell noch ernsthaft genug vorgegangen. Die Lage war sehr gespannt. Während der vier Tage andau-ernden Proteste in verschiedenen Stadtteilen Istanbuls verloren mehr als 15 unbewaffnete Personen, in der Mehrzahl Aleviten, durch Schüsse und andere Gewalt-tätigkeiten ihr Leben. In der Regel werden diese Vorfälle von Aleviten als Akt bewußter Verfolgung gegen ihre Gruppe interpretiert.

Viele Aleviten empfinden diese Ereignisse nicht als isolierte Einzeltaten, sondern als nichts anderes als die Fortsetzung von Jahrhunderten von Vorurteilen und Ver-folgung gegen ihren Glauben und ihre Art, diesen Glauben zu leben.

 

X. Alevi-Bektaschi Humor

Humor wird von Aleviten und Bektaschi verwendet, um religiöse Gesetzlichkeit, Heuchelei und diejenigen, von denen sie sich verfolgt fühlen, auf den Arm zu nehmen. Diese Art von Humor verrät viel über die Gedankenwelt der Alevi-Bektaschi. Wenn man diese Art von Humor verstanden hat, begreift man auch, wie die Alevi-Bektaschi das Leben, die Religion und ihren Platz in der Gesellschaft sehen. Es folgen einige Beispiele aus den Hunderten von Bektaschi-Witzen (fikralar), die zusammengetragen worden sind.

Der erste Witz bezieht sich auf die Haltung der Aleviten zum Legalismus der fünf Säulen des Islam:

Die Säulen des Islam

Ein streng religiöser Sunni-Muslim diskutierte mit einem Bektaschi und fragte ihn: „Wie viele Säulen hat der Islam?“

„Eine!“ erwiderte der Bektaschi sofort.

Der Fundamentalist entgegnete darauf: „Sieh mal einer an! Du kennst ja noch nicht einmal die Säulen des Islam und brüstest dich damit, ein Oberderwisch zu sein!“

„Sei geduldig und laß mich erklären, o Lehrer,“ ant-wortete der Bektaschi, „weißt du, ich habe festgestellt, daß ihr nicht alle auf die vorgeschriebene Pilgerreise geht und daß ihr nicht alle die vorgeschriebenen Almosen für die Armen gebt. Nun, wir auf der anderen Seite fasten nicht während des Ramadan und wir beten nicht täglich fünf mal. Was bleibt zwischen uns von den fünf Säulen also noch übrig außer dem Glaubensbekenntnis?“

Wie schon weiter oben erwähnt, fasten Aleviten nicht während des Ramadan. Über die Jahrhunderte ist dies das Thema vieler Bektaschi-Witze geworden. In der folgen-den Anekdote geht es um ein Wortspiel. Wenn man im Türkischen sagen will, daß man das Fasten nicht hält oder es zum falschen Zeitpunkt bricht, so verwendet man den Ausdruck „das Fasten essen“ (oruç yemek).

Das Fasten und die Gebete

Ein Bektaschi-Heiliger wurde von einigen Leuten gefragt: „Was machst du lieber, fasten oder die vorge-schriebenen Gebete einhalten?“

Ohne zu zögern antwortete er: „Ich liebe das Fasten - weil es ‚gegessen‘ werden kann.“

Eine ganze Reihe von Alevi-Bektaschi Witzen spie-geln die Spannungen wieder, denen sie in der Zeit vor der Gründung der türkischen Republik ausgesetzt waren. Aleviten hatten das muslimische Gesetz zu befolgen, während die nicht-muslimischen Minderheiten von be-stimmten Einschränkungen befreit waren. Aleviten erzäh-len gerne die beiden folgenden Beispiele über den Ramadan, weil sie den Eindruck haben, der Druck zu gesellschaftlicher Anpassung hielte bis heute an, auch wenn das religiöse Gesetz gar nicht Staatsgesetz ist.

Zähle Deine Segnungen

Eines Tages während des Ramadan wurde ein alevitischer dede beim Essen erwischt und deshalb ins Gefängnis geworfen. Während er durch die Gefängnisgitter schaute, sah er, wie ein Mann eine Wassermelone aß. Er rief dem Mann zu: „Hey, was machst Du da? Weißt Du nicht, daß Ramadan ist? Sei vorsichtig, sonst ergeht es dir so wie mir!“

Der Mann antwortete: „Aber ich bin ja kein Muslim.“

Eifersüchtig auf die Freiheit jenes Mannes rief der dede aus: „In dem Fall, sei tausendmal dankbar, während Du ißt!“

Sieh an, was es mich kostet

Während des Ramadan ging ein Mann am Haus eines Bektaschi vorbei und sah diesen ein feines Mahl ge-nießen. Der Bektaschi lud den Mann ein, hineinzu-kommen. Letzterer konnte sich der Gastfreundschaft des Bektaschi nicht erwehren und aß mit. Als jedoch ein Polizist an dem Haus vorbeikam und sie sah, brachte er sie beide vor Gericht. Der Richter hörte sich zuerst den Fall des anderen Mannes an und, weil er keine gute Entschuldigung hatte, wurde er mit einer Strafe belegt.

Dem Bektaschi tat es jedoch sehr leid, daß der Mann für sein Verbrechen büßen mußte, da er sich mitver-antwortlich fühlte. Als nun der Bektaschi an der Reihe war, fragt der Richter: „Warum hast Du nicht gefastet?“

„Ich bin Christ, mein Herr!“ antwortete der Bektaschi.

„Nun, in diesem Fall kannst Du gehen!“ sagte der Richter.

„Aber ich will Muslim werden, Herr Richter.“ fügte der Bektaschi hinzu.

Da leuchteten die Augen des Richters auf: „Das ist ja wunderbar!“ rief er aus.

Der Bektaschi fuhr fort: „Aber bevor ich Muslim werde, habe ich noch eine Bitte: Vergib meinem Freund und lasse ihn frei.“

Der Richter dachte für eine Minute darüber nach und kam zu dem Schluß, es sei durchaus lohnenswert, einem Mann die Strafe zu erlassen, um einen Christen zum Islam zu bekehren. Also stimmte er zu.

Draußen bedankte sich der Mann bei dem Bektaschi. Bevor sie sich trennten, warnte der Bektaschi den Mann jedoch: „Schau her, was geschehen ist! Um mich selbst zu retten, mußte ich Christ werden. Um anschließend dich zu retten, mußte ich Muslim werden. Sei das nächste Mal vorsichtiger, ich möchte nicht noch einmal so hart arbeiten müssen!“

Unter Alevi-Bektaschi ist es nicht verboten, Alkohol zu trinken. Viel Witze drehen sich daher um dieses Thema. Hier ein Beispiel:

Wein und Wasser

Weil seine Freunde darauf bestanden, ging ein Bektaschi zum Freitagsgebet mit ihnen in die Moschee. Während der Predigt erläuterte der Imam alle natürlichen und religiösen Gründe, warum es schlimm sei, Alkohol auch nur anzurühren. Zur Illustration führte der Imam folgendes an: „Wenn man einen Eimer Wasser und einen Eimer Wein nimmt und ihn vor einen Esel stellt, aus welchem Eimer wird der Esel wohl trinken? Natürlich aus dem Eimer mit Wasser! Nun, warum würde ein Esel wohl Wasser anstelle von Wein trinken?“

Unfähig, sich im Zaum zu halten, rief der Bektaschi laut: „Weil er ein Esel ist, darum!“

 

XI. Die Aleviten und aktuelle gesellschaftliche Themen

Es sollen nun beispielhaft einige Themen vorgestellt werden, die Aleviten in der heutigen Türkei für wichtig halten.

Frauen

Aleviten weisen stolz darauf hin, daß sie die Einehe praktizieren, alevitische Frauen gemeinsam mit den Männern beten, alevitische Frauen frei sind, sich modern zu kleiden, alevitische Frauen dazu ermuntert werden, die bestmögliche Ausbildung zu erlangen, und daß alevi-tische Frauen die Freiheit haben, jeglichen Beruf ihrer Wahl zu ergreifen.

Demokratie

In einer Diskussion über Demokratie und das islam-ische Gesetz, der Scharia (seriat), ist es praktisch un-möglich, einen Aleviten zu finden, der gegen Demokratie und für die Herrschaft des religiösen Gesetzes Partei ergreifen würde. Fast alle Aleviten sind für die Gleich-berechtigung von Minderheiten und Frauen, eine ver-fassungsgerechte Gesetzgebung, Toleranz und gleiche Rechte für alle Religionen sowie für Meinungsfreiheit.

Atatürk

Fast alle Aleviten sprechen von Atatürk (Mustafa Kemal Atatürk) mit dem größten Respekt. Sie sind davon überzeugt, daß seine Reformen der Türkei den Weg zu sozialem Fortschritt, Bildung und technologischer Mo-dernisierung eröffnet haben. Viele hängen in ihren Wohnungen, Büros, Vereinigungen und Versammlungszen-tren neben den Bildern von Ali und Hadschi Bektasch auch Abbildungen von Atatürk auf.

Säkularismus

Die überwiegende Mehrheit der Aleviten spricht sich für eine Trennung von Staat und Religion, dem so-genannten Säkularismus (laiklik) aus. Dabei diskutieren sie im Zusammenhang mit dem Säkularismus in der heutigen Türkei hauptsächlich über die folgenden Themen:

Religion als Pflichfach an den Schulen.

Sollen Aleviten offiziell als eigenständige religiöse Gruppierung anerkannt werden?

Die Existenz, die Aktivitäten und die Finanzierung der Regierungsstelle für religiöse Angelegenheiten. (Diyanet Isleri Baskanligi)

Aus historischen Gründen, die den Rahmen dieses Buches sprengen würden, erkennt die türkische Regier-ung jüdische und christliche Minderheiten an, während Aleviten offiziell nicht als religiöse Minderheit gelten. Dieser Umstand hat viele Folgen. Zum Beispiel können die Kinder anerkannter Minderheiten darum nachsuchen, vom Pflichtunterricht im Fach Religion, der sich von der Grundschule bis zum Gymnasium zieht, befreit zu wer-den. Aleviten haben dieses Recht nicht. Sie beschweren sich darüber, an den Schulen würden nicht alle Reli-gionen objektiv unterrichtet. Sie sagen, die Mehrheit der Religionslehrer würden nicht nur eine Form des Islam besonders hervorheben, sondern sie seien auch mit Vor-urteilen gegenüber Aleviten behaftet. Viele Aleviten sind für die Abschaffung des religiösen Pflichtunterrichtes. Andere wiederum sagen, dieses Unterrichtsfach solle wenigstens so umgestaltet werden, daß alle Religionen von den Lehrern objektiv und sachlich dargestellt wer-den.

Die Regierungsstelle für religiöse Angelegenheiten erhält ihr Geld aus dem nationalen Finanzhaushalt, der aus den Steuern der türkischen Bürger, einschließlich der Aleviten, gedeckt wird. Eine der Aufgaben dieser Stelle ist es, Zehntausende von muslimischen Imamen anzuwer-ben, sie den Moscheen zuzuteilen und ihre Gehälter zu bezahlen. Von den Aleviten wird aber darauf hinge-wiesen, daß alevitische Geistliche (din adamlari) und alevitische Anbetungsorte von dieser Regierungsstelle gar nicht anerkannt werden und daß keiner von den Imamen, die auf deren Gehaltsliste stehen, ein Alevit ist.

Zwei der Haupttätigkeiten der staatlichen Religions-behörde sind die Organisation von Pilgerreisen nach Mekka und die Herausgabe des Fastenkalenders für den Monat Ramadan. Beides spielen im Leben der Aleviten gar keine Rolle.

Aleviten mahnen außerdem an, diese Regierungs-stelle würde bei ihren Aktivitäten das Alevitentum nicht nur ignorieren, sondern dazu noch absichtlich nicht-alevitische Geistliche in alevitische Dörfer setzten und den Bau von Moscheen in diesen Dörfern fördern. Wie bereits erwähnt, ist die Moschee kein alevitischer An-betungsort.

Es gibt unter Aleviten verschiedene Meinungen darüber, wie man diese Fragen angehen sollte. Ein Teil ist der Auffassung, die Regierungsstelle für Religion müsse abgeschafft werden, wenn die Türkei ein säkularer Staat sein möchte. Oder sie sagen, die Religionsbehörde solle wenigstens durch freiwillige Spenden aus Privatgeldern finanziert werden und nicht mit den Steuermitteln der Aleviten, die für sich keinerlei Nutzen von dieser In-stitution haben (manche würden sogar behaupten, von ihr verfolgt zu werden).

Andere Aleviten argumentieren, die Religonsstelle solle als mit Steuermitteln finanzierte Behörde fortbe-stehen, sie müsse jedoch die Aleviten als eigenständige und gleichwertige religiöse Gruppe anerkennen. Aleviten, die so denken, sind auch der Meinung die Behörde habe ihre Gelder proportional zum alevitischen Bevölkerungs-anteil aufzuschlüsseln und müsse gewählten alevitischen Repräsentanten gestatten, den alevitischen Anteil zu ver-walten und zu verteilen. In den gegenwärtigen Dis-kussionen über die Mittelverteilung geht es vor allem um die Entscheidung, ob Einzelpersonen oder Organi-sationen die Aleviten in der Regierungsstelle für Religion vertreten sollten.

Diese Themenauswahl veranschaulicht, welche Bri-sanz in den vielen lebhaften Diskussionen über die Iden-tität der Aleviten innerhalb des Islam, die absolute Größe des alevitischen Bevölkerungsanteils oder über die Haltung der Aleviten als Einzelpersonen und als Organi-sationen gegenüber der Regierung, steckt.

 

XII. Die heutige Identität der Aleviten

Am Anfang dieses Buches standen die beiden Fragen: Wer sind die Aleviten? Was ist Alevitentum? Wie wir durch den Überblick über die Glaubensansichten, Praktiken, Gebräuche und Werte der heutigen Aleviten erkannt haben, ist es gar nicht möglich, eine kurze und einfache Definition darüber zu geben, wer Aleviten sind und was das Alevitentum in der heutigen Zeit ausmacht. Der Leser sollte darüber nicht überrascht sein, denn letztlich ist es genauso unmöglich, jede andere Glaubensrichtung in der heutigen Welt kurz und einfach zu beschreiben. In jeder der großen Religionsgruppen - Christen, Muslime, Juden, Buddhisten und Hindus - gibt es eine ganze Bandbreite von Einstellungen: traditionell, konservativ, nominell, liberal... . Dasselbe gilt eben auch für die Aleviten.

In den vergangenen Jahren hat es eine wahre Flut von Artikeln, Büchern und Fernsehprogrammen über die Identität der Aleviten gegeben. Je mehr Bücher und Artikel geschrieben werden, um so mehr Definitionen des Alevitentums scheint es zu geben. Ein alevitischer Gelehrter hat sage und schreibe 32 verschiedene Def-initionen über das Wesen des Alevitentums in der Lite-ratur ausfindig gemacht.

Die meisten Aleviten, so glaube ich festgestellt zu haben, sind sogar froh darüber, daß sie nicht einfach in religiöse, soziale oder politische Schubladen gesteckt werden können. Sie bevorzugen es, sich einfach als Aleviten vorzustellen und den Begriff Alevit mit ihren eigenen Worten zu definieren. Sie sagen: „Wir sehen alle Menschen gleich an. Das Wichtigste ist nicht die Reli-gion einer Person, sondern ob es sich um ein wirklich menschliches Wesen handelt.“

Bücher zur Vertiefung in: DEUTSCH

Bozkurt, Mehmet Fuat. Das Gebot. Mystischer Weg mit einem Freund. E.B. Verlag Rissen. Hamburg 1988.

Dierl, Anton Josef. Geschichte und Lehre des Anatolischen Alevismus-Bektaschismus. Dagyeli-Verlag. Frankfurt 1985.

Förderation der Aleviten Gemeinden in Europa e.V.. Das Alevitentum. Eine Handreichung über die religiösen und kulturellen Grundlagen der Aleviten aus der Türkei. AABF Köln,1997.

Gülcicek, Ali Duran. Der Weg der Aleviten (Bektaschiten). Menschenliebe, Toleranz, Frieden und Freundschaft. 2. Aufl. Ethnographia Anatolica-Verlag Köln, 1996.

Haas, Abdülkadir. Die Bektaschi-Riten eines islamischen Ordens. Express-Edition, Berlin, 1988.

Kehl-Bodgorni, Krisztina. Die Kizilbasch-Aleviten. Berlin, Schwarz Verlag, 1988.

Pitzer-Reyl, Renate. „Die Aleviten.“ In Glöckner, Michael und Udo Tworuschka (Hg). Handbuch der Religionen: Kirchen und andere Glaubensgemeinschaften in Deutschland. Günter Olzog Verlag, 1997.

Vorhoff, Karin. Zwischen Glaube, Nation und neuer Gesellschaft: Alevitische Identität in der Türkei der Gegenwart. Berlin, 1995.

Bücher zur Vertiefung: TÜRKISCH

Kocadag, Burhan. Alevi-Bektasi Tarihi. Can Yayinlari,1996. (Eine vor kurzem erschienene Geschichte, die für das allgemeine Publikum geschrieben worden ist.)

Melikoff, Irene. Uyur Idik Uyardilar. Cem Yayinevi, 1993. (Artikel über die Geschichte und Soziologie der Alevi-Bektaschi geschrieben von einer welt-berühmten Wissenschaftlerin.)

Ocak, Ahmet Yasar. Türk Sufiligine Bakislar. Iletisim Yayinlari, 1996. (Die sozio-historische Analyse eines türkischen Professors, der die wissenschaftlichen und populären Ansichten über Alevi-Bektaschi untersucht.)

Öz, Baki. Alevilik Nedir? Der Yayinlari, 1995. (Vergleicht und kontrastiert die zweiunddreißig Meinungen über die alevitische Identität.)

Sener, Cemal. Saha Dogru Giden Kervan: Alevilik Nedir? Sahkulu Sultan Külliyesi Vakfi, 1997. (Eine ansprechend gedruckte allgemeine Einleitung in das Alevitentum mit Farbbildern.)

Yaman, Ali. Alevilik Nedir? Sahkulu Sultan Külliyesi Vakfi, 1998. (Zusammenfassung der alevitischen Geschichte und Kultur basierend auf den neuesten wissenschaftlichen Ergebnissen.)

Yaman, Mehmet. Alevilik: Inanç, Edeb, Erkân. 1993. (Gibt eine breite Einleitung in den alevitischen Glauben und die alevitischen Praktiken.)

Yaman, Mehmet. Alevilik: Inanç, Ibadet, Erkân. 1998. (Eine gute Darstellung der Elemente und Ordnungen alevitischer Zeremonien.)

Zelyut, Riza. Öz Kaynaklarina Göre Alevilik. Yön Yayincilik, 1992. (Eine Einleitung in Geschichte, Glauben und Praktiken der Aleviten.)